Eine Vertriebsanalyse untersucht, wie dein Vertrieb gebaut ist, nicht wie beschäftigt er ist. Sie schaut auf fünf bis sieben strukturelle Felder: Strategie, Leistungsportfolio, Kundenportfolio, Akquisemodell, Führung und die Kennzahlen, mit denen du steuerst. Das Ergebnis ist keine Zahl, sondern eine Diagnose: welches Feld die anderen ausbremst.

Dieser Unterschied ist größer, als er klingt. Der typische Vertriebsbericht zählt Aktivität, weil Aktivität das Einzige ist, was ein CRM gratis mitschreibt. Laut Salesforce State of Sales, 6. Ausgabe verbringen Vertriebsleute aber nur 30 % einer durchschnittlichen Woche wirklich mit Verkaufen. Anrufe und Angebote zu zählen beschreibt also vor allem die anderen 70 %.

30 %der Arbeitswoche verbringen Vertriebsleute wirklich mit Verkaufen (Salesforce, State of Sales 6th ed., n=5.500)
67 %erwarten nicht, ihr Ziel zu erreichen; 84 % haben es im Jahr davor verpasst (Salesforce, 6th ed.)
52 %der B2B-Vertriebe haben Strategie oder Geschäftsmodell binnen drei Jahren neu aufgestellt (Atreus 2025, n=288)
99,7 %der österreichischen Unternehmen sind KMU, wo Vertrieb eine Rolle ist und keine Abteilung (KMU im Fokus 2025)

Aktivitätsdaten und Struktur: was beide erklären können

Aktivitätsdaten sind in genau einer Sache gut: Sie zeigen, dass sich etwas verändert hat. Warum, können sie nicht sagen. Wenn Angebote rausgingen und nichts zugeschlagen wurde, ist die Angebotszahl das Symptom. Die Ursache sitzt in einem strukturellen Feld: falsches Segment, ein Leistungsportfolio, das niemand vergleichen kann, ein Akquisemodell auf einem Kanal, der nicht mehr funktioniert, oder Ziele, die niemand in wöchentliches Verhalten übersetzt hat.

Deshalb beginnt ein ernsthafter Blick auf Performance Management im Vertrieb mit der Struktur und liest die Zahlen danach. Die Atreus-Studie B2B-Vertrieb 2025 unter 288 Vertriebsverantwortlichen, über 60 % davon C-Level, zeigt das gut: Genannt wurden Wettbewerbsdruck (51 %) und Nachfragerückgang (49,7 %), gewählt wurden aber strukturelle Antworten, 52 % haben Strategie oder Geschäftsmodell binnen drei Jahren neu aufgestellt.

Ein Fünf-Minuten-Test: Nimm deine letzten drei verlorenen Deals und benenne bei jedem das Feld, das versagt hat. Wenn du keines benennen kannst, ist nicht das Datenproblem das Problem, sondern eine Struktur, die nie beschrieben wurde. Kein Dashboard beschreibt sie für dich.

Es gibt einen strukturellen Grund, warum das kleinere Unternehmen am härtesten trifft. Laut KMU im Fokus 2025 des Wirtschaftsministeriums sind 99,7 % der österreichischen Unternehmen KMU, und sie beschäftigen 65 % der Erwerbstätigen, rund 2,46 Millionen Menschen. In dieser Größenklasse ist Vertrieb meist eine Rolle, die jemand neben drei anderen Rollen trägt. Niemand hat den Prozess aufgeschrieben, weil niemand eine Woche dafür frei hatte. Also lebt die Struktur in einem oder zwei Köpfen, und sie verlässt das Unternehmen mit ihnen.

Die sechs Methoden der Vertriebsanalyse, ehrlich verglichen

Jede Methode unten beantwortet eine andere Frage. Die falsche zu wählen ist der häufigste Grund, warum eine Vertriebsanalyse als Bericht endet, mit dem niemand arbeitet. Lies die letzte Spalte zuerst: Sie sagt, was am Ende in deiner Hand liegt.

MethodeBeantwortetAufwandBraucht CRM-Daten?Du bekommst
KennzahlenanalyseWas sich verändert hat, und wannGering, bei sauberen Daten JaSymptome mit Zeitstempel
Struktureller SelbstcheckWelches Feld die anderen ausbremst5 Minuten NeinEinen priorisierten Startpunkt
Funnel- und Pipeline-AnalyseWo Deals stehen bleibenMittel JaEine oder zwei Stufen zum Reparieren
Kundenportfolio-Analyse (ABC)Wer das Unternehmen tatsächlich trägtMittel Rechnungsdaten genügenKlumpenrisiko und Upsell-Raum
Win-Loss-InterviewsWarum Kunden andere gewählt habenHoch NeinDie Gründe hinter der Abschlussquote
SWOT und BenchmarkingWie du zum Markt stehstMittel NeinKontext, selten einen nächsten Schritt

Wann Kennzahlen reichen und wann nicht

Starte strukturell, wenn…

  • Vertrieb eine Rolle ist und keine Abteilung, und niemand den Prozess besitzt

  • Deine CRM-Daten unvollständig sind oder ihnen im Raum niemand traut

  • Der Umsatz stimmt, die Pipeline sich aber wie Glück anfühlt

  • Zwei Kollegen deinen Wunschkunden unterschiedlich beschreiben würden

Starte mit den Zahlen, wenn…

  • Eine Funnel-Stufe im letzten Quartal sichtbar gebrochen ist

  • Du das schwache Feld kennst und es nur beziffern willst

  • Du Regionen oder Personen auf demselben Prozess vergleichst

  • Nächste Woche ein Forecast verteidigt werden muss

Vertriebsanalyse in fünf Schritten durchführen

1

Die Frage vor den Daten festlegen

Schreib einen Satz: Welche Entscheidung wird diese Analyse verändern? Wenn du keine Entscheidung benennen kannst, produzierst du einen Bericht, keine Analyse.

2

Standortbestimmung holen, dreifach

Beantworte 9 bis 12 Fragen zu Strategie, Portfolio, Akquise, Führung und Kennzahlen. Lass dann zwei Kollegen unabhängig antworten. Die Abweichung zwischen euren Antworten ist der Befund, und meist die schnellste Erkenntnis der ganzen Übung.

3

Nur die Zahlen ziehen, auf die der Befund zeigt

Wenn das schwache Feld das Akquisemodell ist, brauchst du Erstkontaktdaten pro Kanal, kein 20-KPI-Dashboard. Welche Kennzahl welches Feld beantwortet, steht im Leitfaden zu Vertriebskennzahlen.

4

Fünf verlorene Deals interviewen, den Kunden fragen

Frag den Kunden, nicht die eigene Vertriebsperson. Fünf ehrliche Gespräche schlagen jeden Benchmark-Bericht, weil sie das gescheiterte Feld in den Worten des Kunden benennen.

5

Einen Hebel entscheiden und einen Review-Termin setzen

Ein Feld, eine verantwortliche Person, ein Termin. Eine Vertriebsanalyse, die drei parallele Initiativen erzeugt, erzeugt keine. Setz den Review in den Kalender, bevor du das Dokument schließt.

Der teuerste Fehler ist, quartalsweise zu analysieren und jährlich zu entscheiden. Wenn der Review-Termin weiter weg liegt als dein Verkaufszyklus, liest du die Diagnose eines Unternehmens, das es nicht mehr gibt. Halte die Schleife kürzer als einen durchschnittlichen Zyklus.

Zwei kostenlose Checks: welcher zu dir passt

Beide Checks unten sind kostenlos, anonym, dauern rund fünf Minuten und liefern eine strukturelle Einordnung statt einer Kennzahlenliste. Sie unterscheiden sich im Zuschnitt, und genau daran entscheidest du.

Der VCC Quick Check deckt sechs Dimensionen ab und ist der breitere organisatorische Rundblick, inklusive Digitalisierung und Kundenerlebnis. Der Vertriebspotenzial-Check geht mit sieben Vertriebsfeldern tiefer in den kommerziellen Kern, vom Unternehmensleitbild über das Portfolio bis zum Akquisemodell. Wenn du unsicher bist, nimm den kürzeren: Neun Fragen sind ein niedriger Preis für eine erste Peilung.

VCC Quick CheckVertriebspotenzial-Check
Fragen912
Dimensionen67
SchwerpunktMarkt, Organisation, Kennzahlen, Führung, Digitalisierung, KundenerlebnisLeitbild, Strategie, Ziele, Führung, Leistung, Kunden, Akquise
ErgebnisSkala 1 bis 10 pro Dimension, Gesamtwert mit Ampel, ein HebelWert über sieben Felder plus die zwei Themen, die sich am schnellsten auszahlen
Passt fürEine breite erste Peilung über die gesamte VertriebsorganisationUnternehmen, die das Problem in Portfolio oder Akquise vermuten
PreisKostenlosKostenlos

VCC Quick Check: neun Fragen, sechs Dimensionen

Eine breite strukturelle Peilung in rund fünf Minuten, mit Skala 1 bis 10 pro Dimension und dem einen Hebel, an dem du beginnst.

VCC Quick Check starten

Vertriebspotenzial-Check: zwölf Fragen, sieben Vertriebsfelder

Geht tiefer in den kommerziellen Kern und benennt die zwei Themen, an denen sich Arbeit bei dir am schnellsten auszahlt.

Vertriebspotenzial-Check starten

Fünf Fehler, die eine Vertriebsanalyse wertlos machen

Warum das Feld Führung über die anderen fünf entscheidet

In beiden Checks steht Führung neben Strategie und Portfolio als ein Feld unter mehreren. In der Praxis verhält es sich anders: Es ist das Feld, das entscheidet, ob Befunde aus den anderen Feldern zu Verhalten werden. Ein perfektes Akquisemodell, das niemand wöchentlich begleitet, bleibt eine Folie.

Hier trifft Vertriebsanalyse auf Personendaten. Wenn der Befund lautet, dass Ziele nie in wöchentlichem Verhalten ankommen, sind die nützlichen nächsten Instrumente Führungsfeedback und ein strukturierter Blick auf den Führungsstil, nicht das nächste Vertriebs-Dashboard. Den Teil deckt der Leitfaden zur Manager-Effektivität ab, dazu die Übersicht kostenloser Tests für Führungskräfte, und People Analytics erklärt, wie du beide Datensätze zusammen liest.

Was du mit dem Ergebnis in den ersten zwei Wochen machst

Ein strukturelles Ergebnis ist nur die erste Entscheidung wert, die es auslöst. Woche eins ist für die Bestätigung: Zieh die zwei oder drei Zahlen, die das schwache Feld belegen oder widerlegen würden, und lass zwei Kollegen denselben Check beantworten, damit du die Streuung siehst. Woche zwei ist für den Hebel: ein Feld, eine verantwortliche Person, ein Review-Termin.

Ein Befund aus den Salesforce-Daten lohnt dabei im Blick zu bleiben: Über die Befragten hinweg sehen die meisten Unternehmen mehr Umsatz aus dem Verkauf an bestehende Kunden als an neue. Wenn deine Diagnose auf das Kundenportfolio zeigt, ist das meist der günstigste verfügbare Hebel, und er hängt an keinem Akquisekanal, der offen bleiben muss. Der Leitfaden zur Neukundengewinnung im B2B arbeitet durch, was das speziell in Österreich bedeutet, wo der rechtliche Boden für Kaltakquise schmaler ist, als die meisten Ratgeber annehmen: Nach § 174 TKG 2021 brauchen Werbeanrufe und Werbemails vorherige Einwilligung, und die WKO-Übersicht dazu kennt keine B2B-Ausnahme.

Die Kurzfassung

- Aktivitätsdaten zeigen, dass sich etwas verändert hat, die Struktur zeigt wo. Vertriebsleute verkaufen 30 % der Woche, Aktivitätszahlen messen also überwiegend den Rest.
- Wähle die Methode nach der Frage: Kennzahlen für Symptome, struktureller Check für einen Startpunkt, Win-Loss für Gründe.
- Lass drei Personen denselben Check unabhängig beantworten. Die Streuung ihrer Antworten ist meist die schnellste Erkenntnis.
- Entscheide genau einen Hebel, benenne eine verantwortliche Person und setze einen Review-Termin kürzer als einen durchschnittlichen Verkaufszyklus.
- Ist das Kundenportfolio das schwache Feld, sind Bestandskunden typisch der günstigste Hebel, und der einzige, den keine Kanalbeschränkung schließen kann.